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Dass Tschernobyl „schwarze Erde“ bedeutet scheint fast schon prophetischen Charakter gehabt zu haben. Als in der ukrainischen Stadt am 26. April 1986 ein Atomreaktor in die Luft flog, verteilten sich die radioaktiven Nuklide rund um den Erdball. Was einst nur eine Horrorvision schien, war zur Realität geworden – Super-GAU in einem Atomkraftwerk.

Was in der Nacht auf den 26. April 1986 nahe der Stadt Pripjat im Atomkraftwerk Tschernobyl geschah, gehört wohl zu den grössten, durch den Menschen generierten Katastrophen auf unserem Erdball. Der Reaktor von Block 4, der erst zwei Jahre zuvor fertig gestellt worden war, explodierte um 1:23:58 Ortszeit. Was in den ersten Tagen danach niemand glauben wollte, zeichnete sich in den kommenden Wochen immer deutlicher ab. Im damals russischen, heute ukrainischen Atomkraftwerk von Tschernobyl hatte sich ein sogenannter  Super-GAU (Grösster Anzunehmender Unfall) ereignet.

Auch ein Informationsskandal

Die sowjetische Regierung versuchte über lange Zeit, das schreckliche Ereignis geheim zuhalten. Das führte auch dazu, dass die Bevölkerung der am nächsten gelegenen Ortschaft Pripjat am 26. April 1986 den normalen Alltagsgeschäften nachging. Menschen, die an diesem warmen Frühlingstag ein Sonnenbad genossen, hatten am Abend einen atomaren Sonnenbrand. Erst im Verlauf der Nacht auf den 27. April wurden die Menschen rund um das Atomkraftwerk evakuiert.

 

In der Schweiz erschienen erste Meldungen über den nuklearen Unfall von Tschernobyl gar erst am 29. April. Ganze drei Tage nach der Katastrophe. Noch am 2. Mai war in der NZZ zu lesen, dass man den verunfallten Reaktor in Tschernobyl inzwischen abgeschaltet habe. Man ging also immer noch davon aus, dass der Reaktor soweit intakt war, dass ein Abschalten überhaupt noch nötig war. Erst am 3. und 4. Mai schien hierzulande wirklich klar zu werden, dass sich in der heutige Ukraine ein nuklearer Super-Gau ereignet hatte. In der NZZ sprach man wegen den spärlichen und zum Teil falschen Meldungen aus der Sowjetunion von einem Informationsskandal.

Bis heute Gerüchte um die Ausmasse

Bis heute ranken sich Gerüchte um die Ausmasse der Explosion von Tschernobyl. Offiziell hiess es stets, nur ein kleiner Prozentsatz der radioaktiven Elemente im Reaktor seien in die Atmossphäre gelangt, der grössere Teil sei im Reaktor verblieben und befinde sich nun unter dem schützenden Betonsarkophag. Inoffiziell existiert aber die Theorie verschiedener Experten und Journalisten, die davon ausgehen, dass praktisch der ganze Inhalt des Reaktors beim Unfall in die Luft geflogen war und sich rund um den Erdball verteilt hatte. Der Sarkophag diene lediglich der Vertuschung dieser Tatsache.

Wie aber war es zu dem Unfall apokalyptischen  Ausmasses überhaupt gekommen? Die Belegschaft von Block 4 des Atomkraftwerkes von Tschernobyl sollte in der Nacht auf den 26. April den Ausfall der Stromversorgung mit Abschaltung des Havarieschutzsystems proben. Es sollte getestet werden, wie lange der Reaktor des Typus RBMK mit der Auslaufenergie der Turbinen noch gekühlt werden könnte. Das durch die aktive Zone gepumpte Kühlmittel verhindert unter anderem eine verhängnisvolle Kernschmelze im Reaktor.

Vom Versuch zum Ernstfall

Im Verlauf des Experiments wurden verschiedene Vorschriften nicht eingehalten. So zum Beispiel hätten das Notkühlsystem und das Havarieschutzsystem in Betrieb bleiben müssen. Schliesslich hätte der totale Stromausfall ja nur angenommen werden sollen. Ausserdem hätten sich genügend  Steuerstäbe, welche die Reaktionen zwischen den Brennelementen steuern oder auch ganz abstellen können, in der aktiven Zone des Reaktors befinden müssen. Als die Operatoren um Mitternacht damit begannen, die Leistung des vierten Blockes herabzusenken und alles für den Versuch vorzubereiten, wurde das Notkühlsystem fatalerweise nicht nur ausgeschaltet, man sorgte auch noch dafür, dass sich die Schieber, die sich auf der Notkühlleitung zum Reaktor befanden, blockiert waren und nur manuell verschoben werden konnten. Viel realistischer hätte ein Ernstfall kaum simuliert werden können.

Aus ungeklärten Gründen wurde der Versuch dann verschoben. Man liess den Reaktor aber dennoch in Betrieb und die Notsysteme blieben ausgeschaltet. Um 0:28 Uhr wurde der Versuch wieder aufgenommen, und die Operatoren schalteten auch das automatische Havarieschutzsystem ab. Dabei unterlief ihnen ein Fehler, der einen Leistungsabfall des Reaktors zur Folge hatte. Um diese dennoch einigermassen zu erhalten wurden nun sämtliche Steuerstäbe aus der aktiven Zone des Reaktors ausgefahren.

Weil durch einen weiteren Fehler zuviel Kühlmittel durch die aktive Zone gepumpt wurde, bildete sich dort ein Wasser-Dampf-Gemisch. Um 1:23:04 wurde der Antrieb der Turbinen ausgeschaltet. Der Auslaufversuch begann. Nun ging alles sehr schnell. Etwa zur selben Zeit begann nämlich das Kühlmittel bei den Hauptumwälzpumpen zu sieden, wodurch zu wenig Kühlmittel in die aktive Zone gelang und im Reaktor ein bedrohlicher Leistungsanstieg begann. Die Operatoren bemerkten diesen starken Anstieg und schlugen Alarm.

Bis heute Millionen Tote und Betroffene

Der Schichtleiter beschloss jetzt den Havarieschutz auszulösen und sämtliche Steuerstäbe sofort in die aktive Zone zu fahren. Diese verdrängten aber noch zusätzlich Kühlmittel aus der aktiven Zone, und es kam zu einem letzten und vernichtenden Leistungssprung des Reaktors.

Dadurch sank der Kühlmitteldurchsatz noch weiter, und es kam zu einer intensiveren Dampfbildung. Durch eine chemische Reaktion mit den Brennelementen bildete sich ein hochexplosives  Wasserstoff- Sauerstoff-Gemisch. Um 1:23:58 erreichte das Gemisch Explosionskonzentration, und es kam zu zwei bis drei kurz aufeinanderfolgenden Explosionen. Der Reaktor und das Reaktorgebäude wurden zerstört.

Die schnell eingerückten Feuerwehren von Pripjat und Tschernobyl konnten die Brände auf dem Areal zwar relativ schnell löschen, aber der Reaktorgraphit brannte noch tagelang weiter. Viele Feurwehrleute sowie die meisten Mitglieder der Belegschaft gehörten zu ersten offiziellen Toten der Havarie von Tschernobyl. 26 Menschen starben durch deren direkten Folgen. Doch die Auswirkungen des atomaren Super-GAUs fordern noch heute ihren Tribut. Die Opferzahlen gehen inzwischen in die Millionenhöhe.

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